Der Zaubersattel

Welche schönen alten Sachen doch manchmal so auftauchen, wenn man an einem freien Tag in Schubladen kramt. Mir kam heute eine Kurzgeschichte in die Hände, die ich pferdebegeistertes Mädchen schrieb, als ich sechzehn, siebzehn Jahre alt war. Ich las sie heute wieder, und mein Entschluss stand fest: Diese Geschichte gehört in meinen Blog!

Lust auf einen Ausflug ins zauberhafte Pferdeland? Auf geht’s!

rider– fotolia –

Der Zaubersattel

Mit einem Lächeln und zufriedenem Pfeifen auf den Lippen kam Großvater von seiner sonntäglichen Ausfahrt zurück. Verwundert sah ich ihm nach, als er mit der aufgekratzten guten Laune eines beschenkten Schuljungen in der schönen roten Kutsche die Auffahrt heraufkam und im flotten Trab in den Hof fuhr, ehe er seine riesige Rappstute Ganja mit einem fröhlichen Zuruf zum Halten brachte. Großvater konnte wunderbar mit Pferden umgehen. Lobte er sie, wuchsen sie förmlich um ein paar Zentimeter, tadelte er sie, konnte sogar ein ungeübter Laie erkennen, wie sie betrübt die Köpfe hängen ließen. Sie gehorchten ihm aufs Wort, manchmal auch schon, bevor er überhaupt ausgesprochen hatte, was er wollte. Es war, als könnten sie seine Gedanken lesen – und sie schienen ohne Ausnahme alle bestrebt zu sein, es ihm recht zu machen, ohne dass er jemals laut wurde oder gar gegen eines von ihnen die Hand erhob. Das wäre ihm niemals eingefallen. Erwischte er einen seiner Mitarbeiter oder Schüler dabei, ein Pferd grob zu behandeln, war es mit seiner Großmut vorbei. Auch ich selbst hatte schon unerquickliche Donnerwetter über mich ergehen lassen müssen, wenn mir bei der häufigen Zickerei meiner Stute Doria irgendwann der Geduldsfaden riss.

 Jetzt sprang er mit jugendlichem Elan vom Kutschbock, und ganz entgegen seiner Gewohnheit, von der er sonst niemals abließ, ging er nicht erst an Ganjas Kopf, um sie zu streicheln und sie dann in Ruhe aus dem Geschirr zu nehmen, sondern er blickte sich suchend um und winkte mir zu, als er mich hinter der Weidehecke stehen und den Zaun ausbessern sah.

„Räubermädchen“, rief er mir überschwänglich zu, „komm mal rüber, beeil’ dich! Ich muss dir was zeigen!“ Verwundert und sofort von Neugier gepackt stellte ich meine Werkzeuge weg und kletterte unter dem Zaun durch. Er hatte mich seit Ewigkeiten nicht mehr ‘Räubermädchen’ genannt – was immer er zu zeigen hatte, es musste etwas wirklich Großartiges sein!

Aufgeregt rannte ich die Auffahrt hinauf.

Als ich beim Wagen ankam, hatte Großvater Ganja inzwischen abgeschirrt und öffnete gerade die Schnallen an ihrem Geschirr. Er strahlte immer noch über das ganze Gesicht, und das Lächeln wurde noch breiter, als ich mit erwartungsvollem Blick vor ihm stand. Er hob den Gurt von Ganjas Rücken, warf ihn mit einer raschen Bewegung über die Anbindestange und klopfte der Stute auf die mächtig bemuskelte Kruppe, ehe er mit blitzenden Augen um den Wagen herumging und sich umständlich an der Gepäckkiste zu schaffen machte. Ganja ließ er stehen – das hatte er noch niemals getan, solange ich denken konnte.

„Erst ist das Pferd dran, etwas Wichtigeres gibt es nicht“, pflegte er immer zu sagen, „und erst, wenn es versorgt ist, könnt ihr wieder an was anderes denken!“

Meine Neugier wuchs immer mehr.

Endlich hob er mit vorsichtigen Bewegungen etwas Großes, Schweres aus dem Gepäckfach, das mit einer dicken Wolldecke abgedeckt und geschützt war.

„Sieh dir das an, Räubermädchen“, raunte er geheimnisvoll, „ich habe hier einen echten Schatz mitgebracht !“ Mit großem Aufhebens legte er das riesige Paket auf den Sitz des Wagens und schlug so vorsichtig die Decke zurück, als könnte der Inhalt des Bündels bei jeder unvorsichtigen Bewegung zu Staub zerfallen. Gebannt starrte ich auf den geheimnisvollen Gegenstand.

Zum Vorschein kam – ein Sattel!

 Oh nein, nicht irgendein Sattel – der schönste Sattel, den ich jemals gesehen hatte:

ein schwerer Barocksattel aus hellem Leder, über und über verziert mit goldenen und silbernen Schnallen, Ösen und Beschlägen. Die Steigbügel waren kunstvoll geschmiedete, schwere Metallbögen aus schwarz gebranntem Eisen.

Ich hielt die überrascht die Luft an – dieser Sattel war nicht nur wunderschön, auch wenn das Leder fleckig und die schönen Beschläge vor Staub und Schmutz blind waren. Er war offenbar auch sehr, sehr alt. „Woher hast du das?“ fragte ich überwältigt und merkte, dass ich ehrfürchtig flüsterte. Großvaters Lächeln wurde wieder breiter, sein Blick war verträumt. Schwärmerisch ließ er den Blick auf diesem wertvollen Schatz ruhen. Liebevoll fuhr er mit der Hand über das vernachlässigte, glanzlose Leder.

„Räubermädchen, das ist ein Zauberwerk“, raunte er zurück, ebenfalls in ehrfürchtigem Flüsterton mit rauer Stimme, „Dieser Sattel ist fast dreihundert Jahre alt – ich bin schon lange darauf aus gewesen, ihn wieder auf unseren Hof zu holen. Er hat einmal unserer Familie gehört, weißt du. Das ist lange her. Jetzt habe ich ihn wieder gefunden – in einem Antiquitätengeschäft, neben Uhren und Spielzeug von anno dazumal und irgendwelchem wertlosen Krimskrams!“ Er sagte das so verächtlich, als sei eine dreihundert Jahre alte Uhr nicht auch ein Meisterwerk. Aber für ihn zählte nur dieser wunderbare Sattel, der in all seiner verstaubten Schönheit einen zugleich nostalgisch traurigen wie atemberaubenden Anblick bot. Vor Aufregung begann mein Herz immer schneller zu schlagen. Ich wollte alles von dieser Geschichte wissen!

„Erzähl“, bat ich, „wie hast du ihn wiederbekommen? Wem hat er gehört? Wieso ist er abhanden gekommen? Gibt es eine große Geschichte um ihn?“ Vor Neugier konnte ich mich kaum bremsen. Großvater hob lachend die Hände und löste sich zum ersten Mal von seiner geschichtsträchtigen Errungenschaft. „Langsam, langsam, das ist ja gar nicht alles auf einmal zu beantworten! – Ich denke, ich werde mich jetzt auch endlich erstmal um Ganja kümmern. Pass inzwischen auf, dass dem Schmuckstück nichts passiert, ja?“

 Er nahm Ganja am Zaum und führte sie zum Weidegitter, wo er ihr das restliche Zaumzeug abnahm, während ich immer noch ehrfürchtig auf dieses Kunstwerk starrte und im Geiste schon damit beschäftigt war, den Schmutz und Staub abzuwaschen, der ihm soviel von seiner Würde nahm. „Opa“, rief ich zum Weidegatter hinüber, „darf ich ihn putzen? Ich bin auch ganz vorsichtig damit!“ Er lachte. „Ich wette, das wärst du“, antwortete er verschmitzt, „bring ihn in den Sattelschuppen, da kannst du ihn erstmal auf dem Probebock ablegen. Und dann lass uns die Arbeit zusammen machen! Ich habe solange auf diesen Moment gewartet! Du wirst einem alten Mann verzeihen, wenn er hier mal ein bisschen egoistisch ist!“ Ich strahlte ihn an. „Klar“, sagte ich, „ich gehe schon mal vor!“

 Als ich den Sattel vom Wagen aufheben wollte, hätte ich mir beinahe das Kreuz gebrochen. Dieses alte Kunstwerk wog mindestens fünfundzwanzig Kilo. Bei dem Gedanken daran, auf wie vielen Pferden dieser Koloss schon gelegen hatte, konnte ich nicht umhin, sie ob seines Gewichtes ein wenig zu bedauern.

                                                            **********

 „Sieh dir das an, Räubermädchen, meine Güte, so eine Kostbarkeit…“ Schwärmerisch strich Großvater wieder mit den Fingern über den Sattel, als er in den Sattelschuppen kam. „Zweifellos“, bestätigte ich, „ich kann noch gar nicht fassen, dass du ihn tatsächlich mitgebracht hast! Wann willst du ihn denn Mama und Papa präsentieren?“ „Später“, beschied er nur nebenbei, „wenn wir ihn wieder auf Hochglanz gebracht haben. Eigentlich ist das ein Stück fürs Museum, weißt du? Lass es uns erstmal als unser Geheimnis bewahren, in Ordnung? Teilen müssen wir diese Entdeckung schon noch früh genug!“

„Versprochen“, wisperte ich, „von mir erfährt keiner ein Sterbenswörtchen!“

Dann machten wir uns mit Hingabe daran, die Schönheit dieses alten Schatzes wieder zum Vorschein zu bringen. Wir polierten, wuschen, tupften, bis aller Schmutz verschwunden war und die Gold- und silberfarbenen Beschläge funkelten, als seien sie gerade erst angefertigt wurden. Das Öl, das wir mit weichen Tüchern auf den Lederflächen des Sattels aufbrachten, wurde von dem spröden, ausgedörrten Leder fast schneller aufgesogen, als wir es aufbringen konnten. Wir hatten kein Zeitgefühl mehr. Als mein Großvater den kostbaren Schatz endlich wieder in seine Schutzdecke wickelte und sorgfältig auf den Bock zurücklegte, waren Stunden vergangen.

„Was machen wir damit?“ fragte ich vorsichtig. „Er ist wohl ein bisschen zu wertvoll, um ihn einfach hier neben den anderen Sätteln aufzubewahren, oder nicht? Willst du ihn nicht irgendwo aufhängen? Wir könnten eine Glasvitrine in die große Diele stellen. Da könnte ihn jeder sofort bewundern!“ Großvater brummelte zustimmend. „Gute Idee, Räubermädchen! Aber bis wir eine passende Vitrine gefunden haben – und bis wir ihn überhaupt präsentieren wollen! – nehme ich ihn mit in meine vier Wände! Ich werde ihn im Schlafzimmer aufbewahren – meine Güte, wenn Oma nur noch da wäre, die würde Augen machen!“ Er hielt inne, zwinkerte ein paar plötzlich aufkommende Tränen fort. Für einen Moment verlor er sich in Erinnerung und Träumerei. Meine Oma und er waren ein wunderbares Paar gewesen. Sie hatte seine Leidenschaft für Pferde geteilt, und noch mehr: in ihrer Familie gab es seit Urzeiten eine tief verwurzelte Verbundenheit mit Friesenpferden, jenen mächtigen, schwarzen Riesen mit dem sanften Gemüt und dem feurigen Temperament. Mein Großvater ließ noch heute beinahe keine andere Rasse neben seinen Lieblingen bestehen. Dieser Sattel würde zweifellos wundervoll aussehen auf einer unserer schwarzen Schönheiten – Odin zum Beispiel würde aussehen wie ein Märchenross, mit seinen dichten, schwarzen Mähnenlocken und den feurigen Augen. In meiner Phantasie sah ich ihn geradezu majestätisch ausschreiten, den wunderbaren funkelnden Sattel auf seinem breiten Rücken, einen ebensolchen Zaum dazu. Es müsste ein Bild sein wie im Märchen…

Als ob Großvater meine Gedanken gelesen hätte, sagte er plötzlich, aus seiner Versunkenheit aufschreckend: „Stell dir diesen Sattel auf einem echten Königspferd vor… – Odin oder Adel müssten aussehen wie alte Ritterpferde… meine Güte, Räubermädchen, da kommt glatt so ein altes Urgestein wie ich ins Schwärmen…“

Für eine Weile schwiegen wir beide, in unsere eigenen Träumereien versunken.

Insgeheim hegte und pflegte ich natürlich schon den Gedanken, dass Großvater irgendwann wirklich auf die Idee kommen würde, einem unserer besonders schönen schwarzen Riesen diesen Sattel aufzulegen. Ich wollte ja nicht einmal die Schandtat begehen, auf diesem Schmuckstück zu reiten – aber allein sein Anblick auf einem ebenso wunderbaren Pferd müsste eine Offenbarung sein!

„Was ist denn jetzt mit dem Sattel?“ fragte ich schließlich. „Du wolltest mir die Geschichte doch erzählen!“

Nachdenklich wiegte er einen Moment den Kopf. „Ich weiß nicht allzu viel davon… Nur das, was deine Oma mir erzählt hat. Eine phantastische Geschichte, wirklich. Es heißt, dieser Sattel wäre von einem begnadeten Sattlermeister gemacht worden, im Auftrag eines reichen Heißsporns, der auf Abenteuer und Eroberungen aus war und einen Hauch von Rittertum um sich spüren wollte. Das war irgendwann um 1700, da war das klassische Rittertum ja schon gar nicht mehr aktuell. Dieser junge Mann war allerdings nicht nur reich und abenteuerlustig, er war auch mutig und unerschrocken und ein großartiger Reiter. Es heißt, dass er den Sattler anhielt, dafür zu sorgen, dass ein Schutzzauber um diesen einzigartigen Sattel gelegt wurde… Damals war das wohl noch nicht als Aberglaube verschrien, sondern man glaubte wirklich an Hexerei und Zauber – aber wem erzähle ich das. Du weißt selbst, wie viele vermeintliche Hexen damals verbrannt wurden. Der Sattler versprach trotz der Gefahr, die es für ihn bedeutete, einen Magier zu finden, der in das Werk einen Schutzzauber einfließen lassen würde, und er soll auch tatsächlich einen gefunden haben. Es heißt, dass der Mann, der gern ein romantischer Ritter sein wollte, zahllose gefährliche Schlachten unbeschadet überstanden hat, solange er nur im Sattel seines Pferdes blieb. Er soll ums Leben gekommen sein, als er nach einem erfolgreichen, heil überstandenen Zweikampf mit einem brutalen Verbrecher eines Nachts auf seinem Lager hinterrücks erstochen wurde. Sein Mörder wurde später am Rande des Lagers tot aufgefunden. Es war der Verbrecher, mit dem er am Tag zuvor gekämpft hatte. Eine geheimnisvolle Geschichte, nicht? Wer kann ein Interesse haben, einen Mann mit edlen Absichten zu ermorden? Nun, so war es jedenfalls passiert, so hatte es den jungen Idealisten aus dem Leben geworfen. Alle seine Habseligkeiten waren noch da, sein Geld, seine Waffen, sein kostbarer Sattel und sein Pferd. Ist das nicht traurig? Mir verursacht diese Geschichte selbst heute noch immer eine Gänsehaut! Ich finde sie echt unheimlich! Schade, dass wir nicht mehr herausfinden können, was wirklich passiert ist! Jedenfalls kam der Sattel auf Umwegen wieder zu dem Sattler zurück, der ihn gemacht hatte, und dort erwarb ihn einer von Omas Vorfahren. Seitdem war er im Besitz der Familie. Der Zauber, den der Sattler eingearbeitet haben soll, soll auch bei allen nachfolgenden Besitzern gewirkt haben, obwohl er nicht für sie gemacht worden war…

Im ersten Weltkrieg hat die Familie ihr Vermögen verloren… Der Sattel ging, genauso wie viele andere Erbstücke, verschollen. Aber ich wusste, wie er aussah, weil Oma mir viele Bilder gezeigt hat. Und als ich ihn dann zufällig in diesem Trödelladen wieder entdeckt habe, habe ich wirklich an ein Wunder geglaubt!“

„Das glaube ich“, bemerkte ich verblüfft, „es ist wirklich unglaublich, dass ausgerechnet du ihn gefunden hast. Bei seiner mysteriösen Geschichte ist das ja fast, als ob er auf dich gewartet hätte!“

Großvater sah auf die Uhr. „Vier Uhr“, verkündete er nachdenklich, „wann, sagst du, sind heute alle wieder zu Hause? Ich dachte nach. „Nicht vor acht“, sagte ich dann. „Mama und Papa sind in ihrem Tanzkurs und haben erst um sieben Schluss. Und Karsten ist zu seinem Kumpel nach Köln gefahren, der wird erst spät am Abend wieder eintrudeln. Wieso fragst du?“

Plötzlich war das unternehmungslustige Strahlen wieder in Großvaters Augen. Es überstrahlte sein ganzes Gesicht. „Geh und hol Odin her!“, beschied er übermütig. „Wollen doch mal sehen, ob sich aus ihm eine Pferdemajestät machen lässt!“ Mein Herz schlug plötzlich bis zum Hals. „Wie du meinst!“, rief ich begeistert und lief los, bevor er es sich anders überlegen konnte.

Als ob Odin geahnt hätte, dass heute irgend etwas Besonderes passieren würde, hatte er sich ausnahmsweise einmal nicht auf der Weide gewälzt, und auch seine lange Mähne und sein dichter Schweif waren erstaunlich sauber im Gegensatz dazu, wie er sich normalerweise zu präsentierte, wenn wir ihn von der Koppel holten. Und auch die Art und Weise, wie er neben mir her marschierte, war anders, als ich es von ihm gewohnt war. Eigentlich schlurfte er nur mäßig begeistert mit, wenn es nach Arbeit aussah, und er verwandelte sich erst dann in den mächtigen, imposanten Hengst, der er war, wenn man es geschafft hatte, ihn für die Arbeit zu begeistern. Dann sah er wirklich umwerfend aus  – ein Muskelpaket voller Anmut, Eleganz und Power. Genauso präsentierte er sich untypischerweise bereits jetzt, als ich mit ihm Richtung Stall ging. Er tänzelte sogar ein wenig, und sein hoch aufgeworfener Kopf witterte mit weitoffenen Augen und geblähten Nüstern in alle Richtungen, als sei eine rossige Stute in der Nähe. Erstaunlich, dachte ich, und freute mich, dass er sich ausgerechnet heute von seiner besten Seite zeigte, wo wir ihn so kostbar herausputzen wollten. Auf dem Weg zum Stall sprach ich fortwährend mit ihm, erzählte ihm begeistert von dem wunderbaren Sattel, den Großvater mitgebracht hatte, und wie schön er aussehen würde, wenn wir ihn geputzt, gewaschen und mit seinem besten Zaum ausstaffiert haben würden. Ich nahm mir vor, Dutzende Fotos zu machen, damit nachher auch bestimmt ein Postermotiv dabei wäre.

Eine halbe Stunde später war der große Moment da.

„Leg ihm das helle Schauzaumzeug an“, sagte Großvater, und seine Augen blitzten, „das wird am besten zu dem guten Stück hier passen! – He, Odin, alter Junge, du hast jetzt Gelegenheit, in einer unglaublichen alten Geschichte mitzuspielen!“ Er streichelte Odins Hals und rieb seinen Kopf, aber Odin schien uns gar nicht zu beachten. Das war ungewöhnlich für ihn. Er, der normalerweise mit Hingabe in Taschen stöberte, ständig gekrault werden wollte und eigentlich immer darauf aus war, ‘seine’ Menschen irgendwie bei Laune zu halten, schien vollkommen abwesend zu sein. Immer noch witterte er mit hochgeworfenem Kopf und aufgeregt wehendem Schweif schnobernd vor sich hin, und irgendwie machte das ganze Pferd den Eindruck, als warte es auf etwas.

„Seltsam“, bemerkte auch Großvater, „wirklich seltsam. Das hat er doch sonst nie. Wenn ich es nicht selbst für dummes Zeug halten würde, würde ich sagen, unser Odin hier spürt den Zauber des Sattels. Oder sonst so etwas.  – Komm, wir legen den Sattel draußen im Hof auf, wo die Sonne scheint. Was glaubst du, wie schön das aussehen wird! Das ist die geeignete Umgebung! Viel besser als das Dämmerlicht hier drin!“

Ich nahm den aufgeregten Odin am Zügel und ging mit ihm hinaus, während Großvater den schweren Sattel schulterte. Der mächtige Hengst neben mir war kaum mehr zu bändigen. Erstaunlich, sehr erstaunlich.

Dann plötzlich, als Großvater im Innenhof den mächtigen Sattel auf seinen Rücken gleiten ließ, stand er ganz, ganz still, beinahe wie eine Statue. Verblüfft sahen wir uns an. Odin gab wirklich ein Bild ab wie ein altes, majestätisches Standbild. Jeder Muskel in seinem imposanten Körper war angespannt, und wir wussten, dass die leiseste Aufforderung ihn in ein dahindonnerndes Gewitter voll atemberaubender Schönheit verwandelt hätte. Ganz behutsam zog Großvater den Sattelgurt fest.

Für einen Moment standen wir da und betrachteten völlig hingerissen unser Werk. Tatsächlich erschien Odin jetzt wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Es fehlte eigentlich nur noch der edle Ritter im feinen Tuch, der auf unserem glanzschwarzen, barocken Riesen auf dem Weg zu fernen Zielen über die Hügel in die Wälder jagte…

Mit einem schrillen Wiehern hob sich Odin plötzlich auf seine mächtige Hinterhand, riss mir mit einem ungeduldigen Kopfschlagen die Zügel aus der Hand und stob mit einer gewaltigen, kraftvollen Galoppade davon. Großvater und ich sahen uns entgeistert an. „Was zum Teufel-!“, begann er, doch ehe er noch Luft holen konnte, veränderte sich plötzlich sein Gesicht. Völlige Fassungslosigkeit breitete sich auf einmal darin aus, und ich folgte seinem Blick mit den Augen, den Schreck in den Knochen, darauf gefasst, Odin gestürzt auf dem Weg liegen zu sehen…

Mein Unterkiefer klappte nach unten. Mein Gehirn weigerte sich zu glauben, was meine Augen sahen. Mein Herzschlag stolperte.

Durch das Rauschen in meinen Ohren hörte ich Großvaters Stimme voller Ungläubigkeit: „Räubermädchen, siehst du das auch?“

Ich sah es. Wehende blonde Haare im Wind, rotes und grünes Tuch und weiches braunes Leder, Füße in den schweren Bügeln des funkelnden Sattels, ein lachendes, glückliches Gesicht, von der fliegenden Mähne des schwarzen Riesen fast verdeckt, ein langes Schwert an der Flanke des Pferdes.

Und Odin jagte immer weiter dahin…

„Opa-“, hauchte ich.

„Das kann einfach nicht wahr sein“, flüsterte er.

Wir sahen den geheimnisvollen Reiter auf unserem Pferd hinter der nächsten Kuppe verschwinden.

„Oh Gott“, flüsterte ich hilflos, „das kann es nicht geben. Opa, unsere Phantasie spielt uns einen Streich! – Komm, wir müssen Odin zurückholen!“

Ich zwang mich, mich umzudrehen und zu dem kleinen Geländewagen zu gehen, der immer unter dem Vordach stand. Noch während ich mit zitternden Fingern im Handschuhfach nach dem Schlüssel suchte, hörte ich Großvater plötzlich rufen.

„Er kommt zurück! Odin kommt zurück! Lass den Wagen! Odin kommt!“

Ich fuhr herum. Tatsächlich kam Odin in einem atemberaubend schönen Galopp auf uns zu, aber er schien nicht mehr so wild wie zuvor. Das helle Zaumzeug und der wunderbare Sattel leuchteten auf seinem glänzenden Fell. Die Erscheinung war verschwunden.

Ich hörte, wie Großvater geräuschvoll Luft ausstieß. „Mädchen, Mädchen, da haben wir uns aber ganz schön foppen lassen“, sagte er, und ich wusste, dass es erleichtert klingen sollte – aber seine Stimme zitterte nicht weniger als meine Hände.

„Odin, alter Lümmel“, rief er dem heranstürmenden Pferd dann zu, „schämst du dich denn gar nicht! Uns so einen Schrecken einzujagen!“ Er streckte die Hand nach dem Hengst aus, der langsamer wurde und stehen blieb, als er bei ihm ankam. Sofort senkte er die Nase auf Großvaters Schulter, schnoberte in seinen Haaren und war wieder ganz der Odin, den wir kannten. Wirklich seltsam…

Ich verbot mir, weiter darüber nachzudenken.

„Komm“, rief ich Großvater zu, „lass uns diesen Zaubersattel abnehmen! Ich glaube, er ist in einer Glasvitrine wirklich besser aufgehoben!“ Ein unsicheres Lachen stahl sich aus meiner Kehle. Ich begann, meine Fassung wieder zu finden. „Recht hast du“, stimmte Großvater zu, „komm, Odin, wir wollen dich fix wieder auf die Weide lassen!“

 Er fasste den friedfertigen Odin am Zügel, der wie eh und je hinter ihm herschlurfte, und führte ihn zum Sattelschuppen hinüber. Ich nahm dem Pferd das Zaumzeug ab, streifte das Halfter über und führte es zur Weide zurück, als Großvater den Sattel gelöst und abgenommen hatte. Noch während ich Odin zusah, der gemächlich auf seinen Lieblingsplatz zusteuerte, hörte ich hinter mir einen atemlosen Ausruf: „Das glaubst du nicht, Räubermädchen!“ Ich drehte mich um und schaute in Großvaters fassungsloses Gesicht. In seiner Hand hielt er ein vergilbtes Stück Papier. „Schau dir das an!“

Ich stürzte zu ihm hin. Das Papier war alt, sehr alt, vergilbt und brüchig. Aber die altertümliche Handschrift darauf war frisch, die Tinte klar und kräftig. Ich las:

 „Habt Dank, dass ich noch einmal mit meinem treuen Gefährten
über die Hügel jagen durfte! Ich habe so lange darauf gewartet!
Gebt gut acht auf meinen treuen Freund!
Und sein Zauber soll auch Euch schützen!
Treu ergeben, Euer glücklicher
 Johannes Hildingbert, Ritter für Ehre und Tugend.“

Stumm sahen wir uns an. Dann blickten wir beide auf die Weide hinunter, wo Odin friedlich graste. Nach einer Weile wandten wir uns ab, und Großvater hob den Sattel mit noch mehr Ehrfurcht auf den Arm als vorher.

„Morgen gehen wir auf die Suche nach einer Glasvitrine“, sagte er dann leise und deckte den Zaubersattel behutsam mit einer Wolldecke zu.

  ENDE

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